Da Technologie-CEOs im aufkommenden „KI-Zeitalter“ auf strategische Veränderungen in den Anforderungen an Mitarbeitende hinweisen, fragen sich viele Wissensarbeiter:innen, welche Fähigkeiten künftig wirklich wertvoll für ihre berufliche Entwicklung sein werden. Auch Menschen, die gerade erst ins Berufsleben einsteigen, sollten sich Gedanken darüber machen, welche Kernkompetenzen ihnen helfen, sich in ihrer Karriere zu profilieren
Kernkompetenzen sind nicht „der Umgang mit KI“ – das kann man lernen. Man wird mehr als das brauchen.
Die Zukunft der Arbeitswelt – Bericht des World Economic Forum
Der Future of Jobs Report 2025 des World Economic Forum basiert auf Daten von über 1000 globalen Unternehmen aus unterschiedlichsten Branchen. Mit Blick auf das Jahr 2030 – das zwar weit entfernt klingt, es aber nicht ist – was sich so zeichnen sich mehrere Makrotrends ab, die sich auf Arbeit und Arbeitnehmer auswirken:
- Digitaler Zugang und das KI-gesteuerte Technologiezeitalter – einschließlich KI und Datenverarbeitung, Robotik, Automatisierung sowie Energieerzeugung und -management.
- Steigende Lebenshaltungskosten, die Sorgen um Inflation, verlangsamtes Wirtschaftswachstum und Veränderungen in der Arbeitswelt widerspiegeln.
- Klimawandel und Gegenmassnahmen, verbunden mit physischen und lokalen Herausforderungen, wachsendem Energiebedarf und der Forderung nach verantwortungsvollem Umweltmanagement.
- Demografische Verschiebungen in vielen Regionen – bedingt durch alternde und schrumpfende Erwerbsbevölkerungen in wohlhabenderen Volkswirtschaften bei gleichzeitig wachsender Zahl an Arbeitskräften in einkommensschwächeren Ländern.
- Geowirtschaftliche Fragmentierung, die global agierende Unternehmen beeinflusst und Veränderungen in Mitarbeiterstandorten sowie Marktdynamiken mit sich bringt.
Betrachtet man die Beschäftigungstrends als Folge dieser Makrotrends, gibt der WEF-Bericht einige Prognosen ab. Demnach werden die folgenden Berufsfelder den größten Nachfrageanstieg verzeichnen: Softwareentwicklung, Big-Data-Analyse, KI- und Machine Learning Spezialisten, Cybersicherheit und allgemeine technologische Kompetenz, Ingenieurwesen für erneuerbare Energien, Umweltingenieurwesen, Spezialisten für autonome Fahrzeuge, Pflegeberufe, Gesundheitsfachkräfte für eine alternde Bevölkerung, Hochschulbildung sowie Softwarearchitektur und -engineering. Den grössten relevanten Anstieg der Nachfrage erwartet der Bericht jedoch bei Landwirten, Hilfsarbeitern und agrarbezogenen Tätigkeiten.
Auf der anderen Seite prognostiziert der Bericht einen deutlichen Nachfragerückgang nach den folgenden Berufsfeldern: Assistenz- und Verwaltungsfunktionen, Kassierer, Datenerfassung, Sachbearbeitung und Bankangestellte.
Bei den meisten Stellen für Wissensarbeiter hingegen werden zumindest einen leichten Nachfrageanstieg verzeichnen.
Automatisierung und Produktivität
Wie sich Automatisierung auf die Arbeit und Arbeitsergebnisse auswirken wird, stellt möglicherweise einen grundlegenden Wandel dar – einen, den wir als Wissensarbeiter erst noch vollständig begreifen müssen. Im WEF-Bericht heisst es, dass sich der Anteil der Aufgaben, die von Menschen, Technologie oder einer Kombination aus beidem erledigt werden, deutlich verschieben wird: Der automatisierte Anteil (technisch oder hybrid) wird in den kommenden fünf Jahren signifikant zunehmen. Sie gehen ausserdem davon aus, dass das Gesamtvolumen der Arbeit, die von Mensch oder Maschine gemeinsam erledigt wird, steigen könnte – wobei beide in der gleichen oder sogar in kürzerer Zeit Aufgaben mit höherem Wert ausführen werden als heute. Das Ausmass, in dem Automatisierung die Produktivität beeinflussen wird, hängt jedoch stark von der Branche ab.
Dennoch bleibt die Frage offen, in welchem Maß Mitarbeitende an dem Wohlstand teilhaben werden, der zunehmend durch Automatisierung, hochentwickelte Maschinen und Algorithmen entsteht.
Strategisch betrachtet sollten Führungskräfte darüber nachdenken, wie Technologie menschliche Arbeit sinnvoll ergänzen kann und wie Talentförderung sowie Weiterbildung Menschen dabei unterstützen können, in dieser Zusammenarbeit zwischen Mensch und Technologie Wert zu schaffen und zu erkennen. Welche Fähigkeiten sind entscheiden, um den Mehrwert klar zu unterscheiden?
Was sagt der WEF-Bericht über Kernkompetenzen?
Hier ist eine Zusammenfassung der Fähigkeiten, die laut Arbeitgebern zunehmend an Bedeutung gewinnen:

Wenn man sich die Liste ansieht, erkennt man viele Fähigkeiten, die mit Lernbereitschaft, kritischem Denken und Neugier verbunden sind. Man sollte niemals glauben, dass „Soft Skills“ nicht wichtig sind:
Die zehn wichtigsten Kernkompetenzen werden ergänzt durch Fähigkeiten, die die Bedeutung von technischem Know-How, starken zwischenmenschlichen Fähigkeiten, emotionaler Intelligenz und dem Engagement zum kontinuierlichen Lernen unterstreichen. Dies spiegelt die Erwartung der Befragten wider, dass Mitarbeitende heute nur dann erfolgreich sein können, wenn sie fachliche und soziale Kompetenzen gleichermaßen beherrschen und ausbalancieren.
Die linke untere Quadrant: Fähigkeiten, die durch Generative KI ersetzt werden könnten
Dies sind die Fähigkeiten, die sowohl aktuell als auch in der Prognose für 2030 eine relativ niedrige Bewertung aufweisen. Die zugrunde liegende Annahme lautet, dass viele dieser Fähigkeiten wahrscheinlich durch Generative KI übernommen werden können.

Ich muss allerdings sagen, dass Lesen, Schreiben und Mathematik auch in der Zukunft eine zentrale Rolle bei der Talentgewinnung spielen sollte. Einerseits ist es schon schwer vorstellbar, wie man kritisches Denken ohne diese grundlegenden Fähigkeiten entwickeln kann. Andererseits stehen sie in starkem Zusammenhang mit Kreativität, innovativem Denken und technologischem Verständnis. Darüber hinaus korreliert Lesen eng mit sozialen Kompetenzen wie Empathie und Aufgeschlossenheit – also Fähigkeiten, die den Aufbau von Beziehungen fördern. Abgesehen davon sind all diese Aktivitäten oft unterschätzte Erfolgsfaktoren, obwohl sie maßgeblich dazu beitragen, langfristig leistungsfähige und reflektierte Fachkräfte hervorzubringen.
Welche Fähigkeiten sollten Sie entwickeln?
Als jemand, der mit all diesen Veränderungen konfrontiert ist, stellt sich die Frage: Welche Kernkompetenzen sollte man entwickeln?
- Selbstwirksamkeit, Widerstandsfähigkeit, Flexibilität und Agilität. Es ist ziemlich sicher, dass sich unsere Jobs und Rollen verändern, ebenso wie Marktbedingungen, Kundenbedürfnisse und die technologische Landschaft. Wer in der Lage ist, Veränderungen aktiv zu gestalten, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und weiterhin Wert zu schaffen, wird langfristig erfolgreich sein. Wichtig ist dabei: Vieles davon muss auf dem „Selbst“ aufbauen muss – man muss die eigene Weiterentwicklung selbst in die Hand nehmen.
- Kognitive Fähigkeiten, kreatives und analytisches Denken. Die Fähigkeit, neue oder alternative Wege zu finden, Dinge zu tun, wird immer wichtiger – und bleibt etwas, das für KI schwer zu produzieren ist. Die digitale Transformation wird zunehmend dazu führen, dass Unternehmen und Teams mit ungewohnten Situationen oder hochkomplexen Problemen konfrontiert werden. Wir brauchen Menschen, die mit starken, klaren Denkfähigkeiten an diese Herausforderungen herangehen.
- Führung und sozialer Einfluss. Egal welche Innovation kommt – Menschen inspirieren Menschen. Sie schaffen Vertrauen und psychologische Sicherheit in Organisationen. Sie sind es, die Veränderungsprozesse zum Erfolg führen oder scheitern lassen. Wir werden weiterhin Menschen brauchen, die das Beste in anderen fördern, Stärken und Schwächen erkennen und Kollegen bei der Entwicklung „weicher“ Kernkompetenzen unterstützen, die wirklich zählen. Menschen, mit starken Führungsqualitäten werden auch in Zukunft stark geschätzt sein.
- Technische Kompetenz, KI und Big Data sowie kritisches Denken. Unabhängig von Ihrer Rolle ist es heute unerlässlich, technologische Grundkenntnisse zu entwickeln, kritisch zu denken und sich daran zu gewöhnen, mit KI und Big Data zu arbeiten. Sie müssen verstehen, was Sie sich ansehen, um Datenqualität zu bewerten und Informationen gezielt auszuwählen, Empfehlungen zu hinterfragen und Aspekte wie Fairness und Chancengleichheit in der Datennutzung zu berücksichtigen. Nur so lässt sich das volle Potenzial der verfügbaren Tools und Informationen ausschöpfen.
- Lebenslanges Lernen und Neugier. Die zeitlosen Kernkompetenzen. Während Automatisierung zunehmend einfache Aufgaben übernimmt, wird es immer wichtiger, sich auf das Neue, das Ungewohnte und das Komplexe zu konzentrieren. Lernbereitschaft und Neugier bilden die Grundlage dafür, neue Fähigkeiten und Kompetenzen zu entwickeln. Wir brauchen ausserdem interdisziplinäre Denker, die in der Lage sind, in einer datenreichen Welt Zusammenhänge zu erkennen und Sinn zu stiften. Seien Sie bereit für die nächste Gelegenheit.
- Netzwerke und Cybersicherheit. Zwar absolvieren wir alle unsere Sicherheitsschulungen, doch der entscheidende ‚Wandel‘ besteht darin, dass Netzwerke und Cybersicherheit nicht länger nur die Verantwortung eines einzelnen Teams sind – während der Rest lediglich versucht, grundlegende Standards einzuhalten. Je besser Sie verstehen, wie Dinge in einer Welt verteilter Daten funktionieren – und angesichts der vielen Risiken bei der Nutzung von LLMs -, desto hilfreicher ist es, mehr als nur oberflächliches Wissen über Netzwerke und Cybersicherheit zu haben.
- Design und UX. Herstellung, Kreativität, Design, Prototyping und Testen – basierend auf Hypothesen und einem tiefen Verständnis für die Kunden – erfordern weiterhin kompetente Fachkräfte, auch wenn KI-basierte Tools den Prozess beschleunigen oder Prototypen erstellen können. Wir sollten davon ausgehen, dass Design und UX künftig eine zentrale Rolle für Zusammenarbeit und Co-Creation spielen werden – zwischen Kunden, Kollegen UND Technologie gleichermaßen.
Diese Fähigkeiten bleiben weiterhin wichtig:
- Zuverlässigkeit – beständig und stabil sein.
- Serviceorientierung und Kundendienst.
- Empathie und aktives Zuhören.
- Ressourcenmanagement und operative Kompetenz.
- Verlässlichkeit und Liebe zum Detail.
Verbindungen schaffen: Wie Bildung und Weiterbildung sich verändern müssen, um uns zu unterstützen
Ein letzter Gedanke: Wir brauchen auch Bildung und Weiterbildung, die uns auf diesem Weg aktiv unterstützen. Das gilt für uns als lebenslang Lernende Erwachsene, aber vielleicht noch wichtiger für die kommenden Generationen, die erst noch in die Arbeitswelt eintreten werden.

Die Bildungsexperten von Marzano Research bringen es so auf den Punkt: Wir müssen uns vom Sammeln von Punkten hin zum Verbinden von Punkten bewegen.
Wie Linda Naiman erklärt, bedeutet „Punkte verbinden“ im Arbeitskontext, Muster zu erkennen, Verbindungen zwischen Datensätzen herzustellen und innovative Ideen zu entwickeln – alles Fähigkeiten, die eng mit den zuvor genannten Kernkompetenzen verküpft sind.